Intersektionalität

Definition, Bedeutung, Beispiele und feministische Perspektiven

Intersektionalität ist heute ein zentrales Konzept in feministischen, sozialwissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Debatten. Doch was bedeutet Intersektionalität eigentlich genau und was unterscheidet ihn von Diversität? Der Begriff taucht in Diskussionen über Gleichstellungs- und Arbeitsmarkt ebenso wie in Debatten über soziale Gerechtigkeit immer häufiger auf. Um die gesellschaftlichen Zusammenhänge besser zu verstehen, lohnt sich ein genauer Blick auf die Geschichte. Hier finden sich Beispiele, Kritikpunkte und die Bedeutung dieses Konzepts für die Zukunft – auch die der MINT-Berufe.

Intersektionalität in 30 Sekunden erklärt

  • Intersektionalität beschreibt das Zusammenspiel und die gegenseitige Verstärkung verschiedener Diskriminierungsformen (z. B. Geschlecht, Herkunft, Klasse, Behinderung oder sexuelle Orientierung).
  • Der 1989 von Kimberlé Crenshaw geprägte Begriff verdeutlicht, dass Betroffene oft Mehrfachdiskriminierungen erleben, die nicht auf ein einzelnes Merkmal reduziert werden können.
  • Das Konzept will gesellschaftliche Ungleichheiten und Machtstrukturen sichtbar machen, um diese gezielt bekämpfen zu können.
  • Unterschied zu Diversität: Während „Diversität“ meist positiv besetzt ist und die Vielfalt betont, ist „Intersektionalität“ ein kritisch-analytischer Ansatz, der den Fokus auf systemische Benachteiligung legt.
  • Anwendung (z. B. in MINT-Berufen): In Zukunftsbranchen hilft die Perspektive dabei, strukturelle Barrieren (wie stereotype Rollenbilder oder ungleiche Förderchancen) zu identifizieren und abzubauen, um echte Inklusion zu ermöglichen.

Was ist Intersektionalität? – Blick in die Geschichte

Die Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw prägte den Begriff Intersektionalität 1989. Sie machte anhand von Gerichtsverfahren sichtbar, dass farbige Frauen Diskriminierung oft in einer spezifischen, nicht trennbaren Form erleben – nicht nur als Frau, nicht nur als farbige Person, sondern als farbige Frau. Diese Perspektive fehlte in vielen feministischen und antirassistischen Debatten.
So wurde das Konzept der Intersektionalität ein wichtiger theoretischer und praktischer Ansatz, der gesellschaftliche Ungleichheit umfassender analysieren kann. Ziel des Konzeptes der Intersektionalität ist es, Diskriminierung sichtbar zu machen, damit man sie bekämpfen kann.
Bereits vor Intersektionalität Crenshaw gab es feministische Bewegungen – insbesondere farbige, indigene und migrantische Feministinnen –, die auf Mehrfachdiskriminierung hinwiesen. Kimberle Censhaw Intersektionalität entwickelte jedoch eine wissenschaftlich präzise Theorie, die heute weltweit genutzt wird.
Die Weiterentwicklungen durch Wissenschaftlerinnen wie Walgenbach oder Collins machten Intersektionalität zu einem Schlüsselkonzept moderner Gleichstellungsforschung und im Rahmen von Zukunftsbranchen und Schlüsseltechnologien wie mint berufen.

Intersektionalität – Bedeutung und im feministischen Kontext

Der Begriff wird häufig in Zusammenhang mit dem intersektional feministischen Ansatz genutzt. Dieser Feminismus geht davon aus, dass Frauen nicht alle die gleichen Lebensrealitäten haben. Geschlecht ist nur eine von vielen Kategorien, die Ungleichheit hervorbringen.
Eine weiße Akademikerin aus Mitteleuropa erlebt andere Herausforderungen als eine geflüchtete Frau, eine farbige Transfrau oder eine Frau mit körperlicher Behinderung. Ziel des intersektionalen feministischen Ansatzes ist es, alle Formen von Unterdrückung mitzudenken, keine Gruppe auszuschließen und Diskriminierung in die gesellschaftliche Debatte zu bringen.
Wissenschaftlerinnen wie Walgenbach Intersektionalität haben das Konzept weiterentwickelt und zeigen, dass Intersektionalität heute in Gender Studies, Soziologie, Politik und Pädagogik tief verankert ist.

Beispiele für Intersektionalität

Folgende einprägsame Intersektionalität Beispiele zeigen, wie Diskriminierung in der Realität funktioniert:

1. Arbeitsmarkt
Eine farbige Frau kann aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Beide Faktoren verstärken sich gegenseitig. Auch typisch verweiblichte Berufe führen zu Intersektionalität. Hier sind Frauen historisch überrepräsentiert und erfahren dennoch häufig eine geringere gesellschaftliche und arbeitsmarktrelevante Wertschätzung.

2. Gesundheitswesen
Ein homosexueller Mann aus einer religiös-konservativen Community kann medizinische Hilfe wegen internalisierter Scham oder diskriminierender Erfahrungen später aufsuchen. Wenn er zusätzlich eine Behinderung oder psychische Erkrankung hat, verstärken sich diese Barrieren intersektional.

3. Bildungssystem
Kinder aus einkommensschwachen Familien, die zusätzlich Rassismus erfahren, haben oft geringere Bildungschancen.

4. LGBTQIA+-Personen
Ein trans Mann mit türkischem Migrationshintergrund kann sowohl transfeindliche als auch rassistische Diskriminierung erfahren. In seinem sozialen Umfeld kann zusätzlich religiöse Stigmatisierung hinzukommen – ein Beispiel für vielfach verschränkte Marginalisierung.

5. Wohnungsmarkt
Auf dem Wohnungsmarkt können diskriminierende Muster zusammenwirken: Eine alleinerziehende farbige Mutter mit geringem Einkommen hat oft besonders schlechte Chancen bei der Wohnungssuche. Hier überschneiden sich Rassismus, Sexismus, Klassismus und Vorurteile gegenüber Alleinerziehenden.
Diese Intersektionalität beispiele zeigen: Intersektionalität ist kein abstrakter theoretischer Begriff, sondern beschreibt reale Lebensrealitäten wissenschaftlich-kritisch.

Unterschied zwischen Diversität und Intersektionalität

Viele Unternehmen sprechen heute lieber von Diversität t (Diversity) und stellen es in einem positiven Kontext: Vielfalt soll Innovation, bessere Entscheidungen und ein offeneres Klima fördern. Doch Diversität und Intersektionalität unterscheiden sich deutlich:

 
Diversität Intersektionalität
Fokus auf Vielfalt Fokus auf Machtstrukturen und Ungleichheit
Häufig positiv gerahmt Kritisch-analytisch, realistisch
Oft organisationsbezogen, gestaltend Wissenschaftlich, erklärend
Ziel: Vielfalt nutzen Ziel: Ungleichheit und Machtstrukturen sichtbar machen
Kategorien werden oft getrennt betrachtet Kategorien werden zusammen betrachtet

Während Diversität sich auf Unterschiede konzentriert, erklärt Intersektionalität, wie Macht und Ungleichheit entstehen mit dem Ziel, sie sichtbar zu machen. Diversität allein gedacht kann, so die Intersektionalität Kritik, zu sozialer Spaltung führen –insbesondere, wenn sie nur oberflächlich umgesetzt wird. Beispiele:

  • Unternehmen betonen „Vielfalt“, ändern aber keine diskriminierenden Strukturen.
  • Diversity Programme, die Unterschiede betonen, aber keinen sozialen Ausgleich schaffen, können Spannungen verstärken.
  • Wenn Diversität ohne Intersektionalität gedacht wird, bleiben komplexe Ungleichheiten unsichtbar.

Das Konzept der Intersektionalität verhindert solche Effekte, weil sie nicht nur Vielfalt feiert, sondern Macht und Ungleichheit kritisch analysiert.

Kritik an der Intersektionalität

Trotz seiner großen Bedeutung in Wissenschaft, Politik und Aktivismus gibt es auch deutliche Kritik am Konzept der Intersektionalität. Einige der zentralen Punkte sind:

1. „Zu komplex“ – Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung enorm
Kritiker*innen bemängeln, dass Intersektionalität theoretisch überzeugend sei, aber in der Praxis schwer anwendbar. Die Vielzahl an Kategorien – Geschlecht, Herkunft, Klasse, Behinderung, sexuelle Orientierung, Religion usw. – führt dazu, dass konkrete politische Maßnahmen schwer messbar oder planbar sind. Behörden, Institutionen oder Organisationen fragen häufig: Wie sollen wir alle möglichen Überschneidungen berücksichtigen, ohne Strukturen zu überfrachten? Hier zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen notwendiger Differenzierung und Handhabbarkeit.

2. Überbetonung von Identität?
Ein weiterer Kritikpunkt lautet, Intersektionalität fokussiere zu stark auf individuelle Identitätsmerkmale. Manche befürchten, dass dies gesellschaftliche Gruppen stärker voneinander abgrenzt oder Identitätspolitiken verstärkt, die wiederum Polarisierung fördern könnten.

3. Mainstream-Vereinnahmung und Symbolpolitik
Viele Wissenschaftler*innen und Aktivistinnen bemängeln, dass Intersektionalität zunehmend in Mainstream-Diskursen auftaucht, jedoch oft nur oberflächlich. Beispiele sind Unternehmen, die „intersektionale Diversity“ werben, aber weiterhin ungleiche Strukturen pflegen. Hier entsteht der Eindruck von Intersektionalität als Marketinginstrument, das nicht zu realen Veränderungen führt. Die Kritik lautet daher: Intersektionalität wird benutzt, aber nicht ernsthaft umgesetzt.

FAQ – Häufige Fragen zu Intersektionalität

Intersektionalität beschreibt, wie verschiedene Diskriminierungsformen zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken. Dazu gehören etwa Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus oder Homofeindlichkeit. Menschen können mehrere dieser Formen gleichzeitig erleben, was zu spezifischen Benachteiligungen führt, die sich nicht auf ein einzelnes Merkmal reduzieren lassen.

Typische Beispiele von Mehrfachdiskriminierung finden sich im Arbeitsmarkt, im Gesundheitssystem, im Bildungssystem, auf dem Wohnungsmarkt oder im (religiösen) Alltag. Intersektionalität macht sichtbar und analysiert, wie sich strukturelle Machtverhältnisse überschneiden und negativ verstärken.

Diversität betont vor allem Vielfalt und unterschiedliche Perspektiven innerhalb einer Gruppe oder Organisation. Ziel ist es häufig, diverse Teams zu bilden oder gesellschaftliche Repräsentation zu verbessern.

Intersektionalität hingegen analysiert Ungleichheit, Machtverhältnisse und deren Überschneidung. Während Diversität oft positiv gerahmt ist, legt Intersektionalität den Fokus auf strukturelle Benachteiligungen und die Frage, wie verschiedene Diskriminierungsformen miteinander verwoben sind, mit dem Ziel von deren Bekämpfung.

In MINT Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) spielen Diversität und Intersektionalität eine zunehmend wichtige Rolle. Die jährliche MINTvernetzt Jahrestagung, Studien sowie Fachkräfteanalysen diskutieren:

  • Wie können Intersektionalität und Diversität beitragen, den Fachkräftemangel zu bekämpfen, der die Produktivität und Wirtschaftswachstum in Deutschland hemmt?
  • Welche intersektionalen Barrieren – etwa für Frauen, migrantische Fachkräfte, Menschen mit Behinderung oder queer-identifizierte Personen – erschweren den Zugang zu MINT-Karrieren?
  • Wie kann sich Diversität positiv auf die Wirtschaftsleistung auswirken? vielfältige Teams gelten als innovativer, kreativer und besser bei der Problemlösung.

Gleichzeitig wird deutlich, dass reine Diversitätsprogramme nicht ausreichen. Erst wenn intersektionale Hürden wie stereotype Rollenbilder, ungleiche Förderchancen oder diskriminierende Bewerbungsprozesse abgebaut werden, können MINT-Berufe wirklich inklusiver werden.

Damit wird Diversität zu einem zentralen Faktor für Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft, während Intersektionalität hilft, strukturelle Barrieren sichtbar zu machen und gezielt abzubauen.